Arche auf dem Atzelsberg

Helmut Wening will aussterbenden Nutztierrassen eine Heimat geben

Sie heißen Bentheimer, Appenzeller, Cochin oder Brahma, und sie haben eines gemeinsam: Sie sind vom Aussterben bedroht. Alte Nutztierrassen, die nur noch von Idealisten gezüchtet werden. Wenn überhaupt. Ihnen will Helmut Wening, Stadtrat der Erlanger Grünen, auf dem Atzelsberg eine neue Heimat geben.

ATZELSBERG - Von Rathsberg bis Marloffstein streckt sich der Höhenzug. Ein riesiges Gelände, «bestimmt 20 Hektar», schätzt Helmut Wening grob. Eine Idylle, die von Ausflüglern gerne genutzt wird. Dort wo sich jetzt noch Gerste und Weizen im Wind wiegen, sollen, wenn es nach dem Grünen geht, irgendwann einmal Hühner scharren, braune Parkrinder genüsslich auf der Weide wiederkäuen, Deutsche Widderhasen an Möhren mümmeln oder Bentheimer Schweine sich im Matsch suhlen. Auch Imker könnten sich hier ansiedeln. Und selbst alte Getreide- und Gemüsesorten wie Emmer und Einkorn könnten hier angebaut werden.

Eventuell ließen sich sogar die Märchenweiher einbeziehen. Dann wäre auch eine Erweiterung auf Wassertiere denkbar.

«Das Gelände gehört der Stadt. Sie hat es an Landwirte verpachtet», weiß Wening. Seine Vision: Eine Arche für Nutztierrassen, die vom Aussterben bedroht sind. Aber nicht nur als Streichelzoo. «Zum Einen könnten natürlich Familien mit Kindern hier einen Ausflug her machen. Kinder könnten die Landwirtschaft hautnah erleben, Pferde putzen, Schweine füttern. Ganze Schulklassen könnten das Gelände als Wanderziel nutzen», sagt der 50-Jährige und sieht vor seinem geistigen Auge bereits eine Rindenmulch-Bahn für Jogger und eine Asphaltbahn für Inline-Skater rund um das Gelände und einen Hochseilgarten entstehen.

Saftige Steaks

Doch rein zur Freizeitnutzung, da ist Wening Realist, möchte er seine Träume nicht gesehen wissen. «Die Tiere sollten selbstverständlich auch als das betrachtet werden, was sie sind - Nutztiere. Soll heißen, das Fleisch könnte im nahen Schlossgasthof als saftiges Steak oder Schäufele auf dem Teller landen, oder an Verbraucher direkt ab Hof verkauft werden. Einen weiteren Nutzen sieht Wening in der Erhaltung der alten Rassen, dem genetischen Material. Ein entsprechendes Zuchtprogramm könnte betrieben werden. Außerdem könnte als Partner auch die Lebenshilfe gewonnen werden. Die könnte auf dem Gelände Arbeitsplätze schaffen, zum Tierpfleger oder landwirtschaftlichen Helfer ausbilden. Vorbild für Wenings Vision ist die Arche Warder, ein Projekt von Greenpeace zwischen Hamburg und Kiel. Als Wening mit seiner Familie im Urlaub die Farm besucht hatte, war die Idee gereift, so etwas auch in seiner Heimat anzusiedeln. Mit vier bis fünf Millionen Euro als Anfangsinvestition kalkuliert der Stadtrat. Die Gelder könnten vom Landkreis, der Stadt, Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und dem Bund Naturschutz aber auch vom Freistaat fließen. Später soll das Projekt sich allerdings über Förderung, Vermarktung und Besuchereintritt selbst tragen.

Kosten analysieren

Auch mit Oberbürgermeister Siegfried Balleis hat der Grüne über seine Utopie bereits gesprochen. Und dieser findet die Pläne gar nicht mal so abwegig: «Eine Art Arche finde ich ganz spannend. Sicherlich müsste man die Lokalität noch abklären, die Konsequenzen bedenken, die Kosten analysieren und wissen, ob es so etwas bereits im weiteren Umkreis gibt. Aber eigentlich ist die Idee, bestimmte Arten für die Nachwelt zu erhalten, etwas zutiefst konservatives. Und damit, gerade für mich als Konservativen, gut vorstellbar.» In fünf bis sechs Jahren könnte die Vision laut Wening Wirklichkeit werden. «Man muss halt erst einmal klein anfangen. Vielleicht erst einmal nur wenige Hektar und vom Ort Atzelsberg aus beginnen. Dann wären auch die notwendigen Kanal-, Wasser- und Stromanschlüsse sicherlich kein unlösbares Problem.»

© ERLANGER NACHRICHTEN - 27.06.2009